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Schöne neue Arbeitswelt? Arbeiten mit Corona

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3/2021 | Schöne neue Arbeitswelt? Arbeiten mit Corona

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Liebe Kolleginnen und liebe Kollegen, wenn wir an Gewerkschaften denken, sehen wir Bilder von unterschiedlichen Momenten gewerkschaftlicher Arbeit: Streik, Verhandlungen, Demonstrationen und vieles mehr. Aber eins ist den Bildern immer gemeinsam: Es sind Bilder, auf denen Menschen zusammenkommen. Bilder, auf denen Menschen eng beieinander sind.

Denn Gewerkschaft steht für Solidarität. Und Solidarität ist Verbundenheit und Unterstützung von Ideen, einer Haltung, Zielen und Aktivitäten. Gemeinschaft und Nähe. Mit Corona waren all diese Bilder passé. Denn wir waren alle gehalten, wenn möglich zu Hause zu bleiben. Wenn Gewerkschaften Massen mobilisieren und wir zumindest theoretisch einen Betrieb lahmlegen können, dann haben wir die Macht, unsere Ziele durchzusetzen. In Zeiten von Corona fällt jedoch gerade diese Mobilisierung schwer. Wie überzeugt man Kolleginnen oder Kollegen, in die Gewerkschaft einzutreten, für Ziele gemeinsam einzustehen, wenn die Beschäftigten von zu Hause arbeiten oder der Betrieb stillsteht?

Hier sind ganz unterschiedliche Herangehensweisen gefragt, denn wir sind nach wie vor mit ganz unterschiedlichen Situationen konfrontiert: Während fast eine halbe Million Betriebe zwischenzeitlich Kurzarbeit angemeldet haben, mussten andere wegen Corona-Krankheitsfällen in der Belegschaft vorüber - gehend schließen oder waren und sind durch die wirtschaft - lichen Folgen erheblich eingeschränkt, teils existentiell bedroht. Auf der anderen Seite sind Millionen Beschäftigte nach wie vor extrem hohen Belastungen ausgesetzt.

Mit Corona haben wir gelernt, verstärkt auf digitale Kommunikation und das parallele Bedienen mehrerer Kommunikations- Kanäle zu setzen. Mit der Tarif- und Besoldungsrunde 2020 haben wir bewiesen, dass wir erfolgreiche Tarifpolitik auch unter ganz besonderen Bedingungen – Corona-Bedingungen – machen können. Aber auch das Alltagsgeschäft ist digitaler geworden. Wir haben aus diesen Erfahrungen als Organisation viel gelernt und wollen viele Elemente daraus in die Nach- Corona-Zeit mitnehmen.

Vor allem nah an den Interessen der Beschäftigten zu sein, sie direkt ansprechen zu können, transparent auch bei großen Flächentarifverhandlungen zu sein und Gewerkschaftsarbeit erleb- und fassbar zu machen: Daran wollen wir weiter arbeiten. Die Corona-Pandemie hat in vielerlei Hinsicht wie durch ein Brennglas gesellschaftliche Missstände hervortreten lassen. Bestehende Ungleichheiten wurden verstärkt und blinde Flecken in der Wahrnehmung sichtbarer gemacht. Dadurch bietet Corona uns auch die Chance, den Horizont für mögliche Ver - änderungen zu öffnen.