Touristik

Hilf dir selbst

Reisebranche: Hilf dir selbst

Viviane Mörsdorf, Reiseverkehrskauffrau, Betriebsrätin und Mitglied der ver.di-Tarifkommission bei der TUI Deutschland, hat seit der Pandemie deutlich mehr Arbeit zu bewältigen.

Ich arbeite heute definitiv anders als noch vor der Covid19-Pandemie. Auffällig ist, dass vieles nun digital läuft. Da sich die Reisebeschränkungen laufend ändern, müssen wir die Buchungen online abwickeln und prüfen. Deshalb kommen auch wieder mehr Kundinnen und Kunden persönlich zu uns in die Filiale. Viele von ihnen haben zwar zwischenzeitlich im Netz gebucht, aber keine guten Erfahrungen damit gemacht. Und weil die internationale Lage immer noch unübersichtlich ist, brauchen die Kund*innen die Sicherheit, jemanden anrufen zu können, wenn es Probleme gibt. Wir sind so etwas wie ein Anker.

Infolge der Reisebeschränkungen hatten wir zu Beginn der Pandemie jede Menge abgesagte Reisen und mussten mit verärgerten und frustrierten Kundinnen und Kunden umgehen. Wir haben dann zunächst die Kolleg* innen bei den Veranstaltern bei der Rückabwicklung unterstützt, Guthaben zur Auszahlung angestoßen oder Gutscheine ausgestellt. Plötzlich mussten wir buchhalterische Aufgaben erledigen, mit denen wir vorher nichts zu tun hatten. Wir hatten also sehr viel mehr Arbeit auf dem Tisch und das bei gleichzeitiger Kurzarbeit. In unserer Filiale sind wir im April 2020 mit 50 Prozent Kurzarbeit eingestiegen, über die Wintermonate 2020 wurden es dann 70 Prozent.

Überstunden durften wir wegen der Kurzarbeit keine machen, also hat Corona bei uns vor allem für eine Arbeitsverdichtung gesorgt. Schwierig für uns war dabei, dass wir wegen der Corona-Bestimmungen alleine im Büro saßen. Abgesehen davon, dass man niemanden mal eben um einen Rat fragen konnte, bedeutete das auch, dass jede Übergabe auf Zetteln, per Telefon oder E-Mail erledigt werden musste. Also hast du erstmal von zuhause im Büro angerufen, um die Vorgänge zu übergeben. Die meisten Kund*innen haben für unsere Situation Verständnis, wollen ja aber trotzdem ihre Anliegen flott erledigt sehen. Das bedeutet für jede Kollegin, dass sie sich jetzt straff organisieren muss. Bei uns gilt nun oft: Hilf dir selbst.

Bis Juni dieses Jahres hatten wir in Abstufungen Kurzarbeit. Ich persönlich habe dann Juli bis September voll gearbeitet. Oktober bis voraussichtlich Dezember werden wir in Gräfelfing wieder auf Kurzarbeit sein – auf 30 Prozent.

Von Kündigungen waren wir in Gräfeling zum Glück verschont. Deutschlandweit aber hat die TUI Filialen geschlossen, wegen Corona, aber auch weil Mietverträge ausgelaufen sind. Es gab auch Eigenkündigungen, gerade jungen Beschäftigten hat die Perspektive gefehlt. Von Kurzarbeitergeld zu leben, kann sich nicht jeder leisten, gerade in den teuren Großstädten. Wenn du nicht siehst, dass es auf kurze Sicht besser wird – da sind schon manche vor allem in den öffentlichen Dienst abgewandert.

Seit Corona haben wir alles in allem einen deutlich größeren Arbeitsaufwand – bei der Beratung der verunsicherten Kund*innen, beim Ausgestalten von Unterlagen, durch Extra-Kontrollen kurz vor Abreise, ob sich Einreisebestimmungen vielleicht noch verändert haben. Für alles brauchst du heute ein Online-Einreiseformular oder einen QR-Code. Damit kommen viele Ältere nicht zurecht – also kommen sie zu uns. Insofern hat die Pandemie auch etwas Positives, denn unsere Beratung vor Ort ist wieder wichtiger geworden und wird wieder mehr wertgeschätzt.