Touristik

War das nötig?

Touristik: War das nötig?

Die TUI AG will Filialen schließen und mehr als 100 Kolleg*innen entlassen. Dabei ist in den vergangenen Wochen ein großer Kundenzustrom zu beobachten.

Friedrich Joussen, der Vorstandsvorsitzende der TUI AG, erklärte im Frühjahr 2019, die TUI werde sich vom traditionellen Reiseveranstalter zu einer TravelTec-Company wandeln. Um diesen Wandel sozialverträglich zu gestalten, schlossen im Dezember 2019 der Konzernbetriebsrat und der Vorstand der TUI AG einen sogenannten Zukunftssicherungsvertrag, der unter anderem einen Kündigungsschutz enthält. Diese Vereinbarung gilt für alle Gesellschaften der TUI in Deutschland und ist bindend bis Ende 2021.

Dennoch stellte im August 2020 die Geschäftsführung dem Gesamtbetriebsrat erstmals das Konso li die rungs - pro gramm „NEXT” für den Eigenvertrieb vor. Darin geht es um die strategische Aus richtung der Filialen, um diese zukunftsfähig zu machen.

Im Kern sind das die engere Verflechtung der Reisebüros mit der TUI.com als starker Verbund aus On- und Offline. Weiter gehört dazu das Einholen der Kontakterlaubnis der Reisbürokunden, um sie auf besondere Aktionen aufmerksam zu machen oder ihnen weitere Leistungen zu ihrer bestehenden Buchung anbieten zu können.

Seit Mai diesen Jahres wird in den Filialen eine Servicegebühr erhoben, die direkt anteilig zum Ergebnis der Filiale zählt.

Das war die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass zu „NEXT“ auch die Schließung von Filialen und Personalabbau ab 2022 gehören. So wollte die Geschäftsführung von den 400 Filialen 60 schließen, die zum Teil – aus ihrer Sicht – seit mehreren Jahren unwirtschaftlich arbeiten sollen.

Im Oktober 2020 begannen die Verhandlungen mit dem Gesamtbetriebsrat über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan, die sich bis Mai 2021 hinzogen. Es war ein harter Weg und ein zähes Ringen um akzeptable Ergebnisse.

Es gab eine sehr unterschiedliche Auffassung über die Wirtschaftlichkeit der Büros und die Auswirkung der Corona-Krise bei veränderten Marktbedingungen zwischen den Betriebsräten und der Geschäftsführung.

Am Ende stand dennoch die Schließung und Zusammenlegung von 55 Filialen auf dem Plan. Das entspricht einem Personalabbau von über 100 der 1.525 Vollzeitstellen.

Da die Kolleg*innen in den Büros überwiegend Frauen sind und viele in Teilzeit arbeiten, muss leider davon ausgegangen werden, dass deutlich mehr als 100 Mitarbeiter* innen das Unternehmen verlassen müssen.

Das Ziel des Gesamtbetriebsrates und der Geschäftsführung der TUI Deutschland ist es aber, den Personalabbau zumindest so sozialverträglich wie möglich umzusetzen. Dazu wurden ein mehrstufiges Freiwilligenprogramm, ein Interessenausgleich und ein Sozialplan vereinbart. Die Maßnahmen wurden Ende Mai kommuniziert und es läuft zur Zeit die Möglichkeit, dass die Kol - leg*innen der betroffenen Büros sich melden können, wenn sie das Freiwilligenprogramm nutzen möchten. Das Interesse daran ist sehr groß. Vielleicht können so betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden.

Zugleich ist in den vergangenen Wochen in den Büros ein großer Kundenzustrom zu beobachten. Die/der persönliche Ansprechpartner*in für die Reisebuchung ist nach den Erfahrungen mit Corona geschätzter denn je.

Unter diesem Aspekt darf die Frage gestellt werden, ob die von der Geschäftsführung beschlossene Maßnahme der Filialschließungen und der Entlassung von mehr als 130 Kolleg*innen die richtige gewesen ist.

Hoffen wir, dass es der Geschäftsführung der TUI Deutschland gelingt, ihre Filialen in die Zukunft zu führen und deren Stellung am Markt zu festigen. Denn die Kund*innen zeigen gerade, dass auch die persönliche Ansprache schon bei der Buchung der erste Schritt zu einem gelungenen Urlaub ist.