Touristik

Eine Frage des Spielraums

Reisebranche: Eine Frage des Spielraums

Derzeit handelt ver.di bei dem Geschäftsreiseanbieter BCD neue Betriebsratsstrukturen aus – vor dem Hintergrund zunehmender Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Homeoffice.

von Sonja Austermühle

Bei dem Geschäftsreiseanbieter BCD werden derzeit Verhandlungen zu einem neuen §3 BetrVG-Tarifvertrag geführt. Diese gestalten sich jedoch alles andere als einfach. Der bislang geltende Tarifvertrag sieht zehn Betriebsratsregionen und damit auch zehn Betriebsratsgremien und einen Gesamtbetriebsrat vor. Damit war und ist aus ver.di-Sicht gewährleistet, dass die Kolleg*innen bei BCD in ihrer Region auch Ansprech partner*innen haben und ein Austausch mit den Kolleg*innen vor Ort gut möglich ist.

Künftig wünscht sich die Arbeitgeberseite jedoch einen einzigen, für das gesamte Unternehmen zuständigen Betriebsrat, der dann auch den Gesamtbetriebsrat überflüssig machen würde. Eine regionale Aufteilung sei nicht mehr zeitgemäß und zweckmäßig.

Hintergrund der Unternehmenspläne ist die durch Corona beschleunigte Verlegung der Arbeitsplätze ins Homeoffice. Die Arbeitgeberin plant, im Frühjahr nächsten Jahres etwa die Hälfte der Arbeitsplätze ins Homeoffice verlagert zu haben, zahlreiche Standorte sollen geschlossen sein. Die Arbeit soll in überregionalen Teams stattfinden.

Dies wirft neben allen anderen Herausforderungen, die das Arbeiten im Homeoffice oder das mobile Arbeiten für Interessenvertretungen mit sich bringt, auch die grundsätzliche Frage auf, in welchen Strukturen Beschäftigte, die ihren Arbeitsplatz in ihren eigenen vier Wänden haben, am besten von „ihren“ Betriebsräten vertreten werden können. Gäbe es nur noch ein Betriebsratsgremium, würde die Anzahl der Kolleg*innen, die die Betriebsratsarbeit meistern müssen, im Vergleich zu Standortbetriebsräten oder einer regionalen Zuordnung dramatisch sinken. Zugleich stiege der Aufwand enorm: Längere Fahrzeiten für die Betriebsratsmitglieder zu Sitzungen oder Verhandlungen, für Betriebsbegehungen wären (wenn gewünscht) Einzelbesuche zu Hause nötig, ebenso aufwändigere Kontaktaufnahme, -wege und -möglichkeiten.

Die Beschäftigten, die bislang eine*n Ansprechpartner*in vor Ort haben und in der Regel die Kolleg*innen, die in die Betriebsräte gewählt wurden, persönlich kennen, verlören bei einem unternehmenseinheitlichen Betriebsrat die persönliche Anbindung an das Gremium. Der Betriebsrat würde zu einer weit entfernt arbeitenden Institution, zu der schlimmstenfalls das Vertrauen, sich mit Problemen an ihn zu wenden, verloren ginge.

Die Tarifkommission bei BCD ist zu dem Ergebnis gekommen, dass der persönliche Bezug zu den Kolleg*innen das Wichtigste ist, um ihre Interessen am besten vertreten zu können. Und dieser kann eben nur durch eine gewisse Regionalität gewährleistet bleiben. Sie wird daher dieses Ziel in den Verhandlungen weiterverfolgen. Die Verhandlungen werden Ende November fortgesetzt.

Mit diesen grundsätzlichen Fragen werden sich in Zeiten der zunehmenden Verlegung von Arbeitsplätzen ins Homeoffice und des mobilen Arbeitens sicherlich auch die Gerichte beschäftigen müssen. Denn dahinter steht zum einen die Frage, ob es im Sinne des Betriebsverfassungsgesetzes ist, wenn von vornherein nur ein Betriebsrat gegründet werden kann und Gesamtbetriebsratsgremien damit gänzlich entfallen. Und zum anderen, ob der § 3 BetrVG für die Tarifvertragsparteien ausreichend Spielraum zulässt, geeignete Strukturen zu schaffen, mit denen die Betriebsräte die Interessen der Kolleg*innen maximal vertreten können.