Besondere Dienstleistungen

Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen

Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen

Christine Behle Kay Herschelmann Christine Behle

Am 26. September sind Bundestagswahlen. Was erwartet der Fachbereich 13 von der neuen Bundesregierung? Ein Gespräch mit der stellvertretenden ver.di-Vorsitzenden Christine Behle.

die besonderen: Die Corona-Krise hat auch die Beschäftigten in den Besonderen Dienstleistungen schwer getroffen. Was konnte ver.di für sie erreichen?

Christine Behle: Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen politischen Entscheidungen wirkten sich bei uns allen im Privaten, aber im besonderen Maße auch auf die Arbeitswelt aus. Insbesondere die deutschen Reisebüros und Reiseveranstalter hat Covid-19 trotz staatlicher Hilfeleistungen stark getroffen. Als Gewerkschaft ist es unsere Aufgabe, den notwendigen Rahmen für die Arbeitsbedingungen zu gestalten. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, Beschäftigte über den Abschluss von Tarifverträgen abzusichern. Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass Arbeitsschutz und Arbeitszeitregelungen geschützt bleiben.

ver.di verlangt von der neuen Bundesregierung eine Stärkung des Tarifvertragssystems. Inwiefern würden die Beschäftigten davon profitieren?

In der Corona-Krise waren Tarifverträge das zentrale Mittel, um mit dem Arbeitgeber eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes zu vereinbaren und so größere Einkommenseinbußen zu verhindern. In den letzten 20 Jahren ist die Tarifbindung in Deutschland allerdings um rund 23 Prozent zurückgegangen. Diese abnehmende Tarifbindung korrespondiert mit wachsenden Einkommensunterschieden und einer schwachen gesamtwirtschaftlichen Lohnentwicklung: Wo keine Tarifbindung ist, arbeiten die Beschäftigten länger und verdienen weniger. Wir fordern von der nächsten Bundesregierung, dass das Tarifvertragssystem gestärkt wird. Wir wollen, dass öffentliche Aufträge zukünftig nur noch an solche Unternehmen vergeben werden, die sich an die einschlägigen Tarifverträge binden. Dafür braucht es eine bundesweite Tariftreueregelung. Außerdem setzen wir uns für die Erleichterung der Allgemeinverbindlichkeitserklärung und die kollektive Nachwirkung von Tarifverträgen ein.

Die Pandemie hat die Reisebranche massiv getroffen. Was ist hier Aufgabe der Politik?

Die Politik hat in der Reisebranche vielen Unternehmen mit Krediten und anderen Unterstützungsleistungen, wie verbesserte Konditionen beim Kurzarbeitergeld, Überbrückungshilfen und vielem mehr, stark unter die Arme gegriffen, allen voran den Konzernen TUI und Lufthansa. Dennoch haben diese Unternehmen in der Zeit der Pandemie nicht nur pandemiebedingte Umstrukturierungen umgesetzt, sondern auch erheblich Personal abgebaut. Nachdem diese Unternehmen von der Allgemeinheit, vor allem um die dortigen Arbeitsplätze zu erhalten, gerettet wurden, ist es nun die Aufgabe der Politik, darauf zu achten, dass es zu keinen weiteren Einsparungen in den Unternehmen kommt, die zu Lasten der Beschäftigten gehen und weitere Entlassungen nach sich ziehen. Eine schnelle, kurzfristige Hilfe für die von der Kurzarbeit betroffenen Kolleg*innen wäre, den Progressionsvorbehalt für Kurzarbeitergeldempfänger* innen in den Jahren 2020 und 2021 auszusetzen. Denn von den über Monate verringerten Einkommen ist es kaum möglich, auch noch Rücklagen für die zu erwartenden Steuernachzahlungen zu bilden. Für zukünftige finanzielle Unterstützung durch den Staat zur Rettung von Unternehmen muss es Regelungen geben, die eine Tarifbindung, die Achtung der Mitbestimmung und die Verpflichtung zum Erhalt der Arbeitsplätze voraussetzen.

In der Zeit- bzw. Leiharbeit haben die Sozialpartner zuletzt gute Tarifverträge abgeschlossen. Was lässt sich für diese Branche nur mit politischer Unterstützung regeln?

Wir konnten mit dem letzten Tarifabschluss neben guten Lohnerhöhungen erstmals eine Mitgliedervorteilsregelung abschließen, diese sieht ein zusätzliches Urlaubs- und Weihnachtsgeld vor. Das setzt allerdings eine 12-monatige ver.di-Mitgliedschaft voraus. Da ist man klar im Vorteil als ver.di-Mitglied! Von der Politik erwarten wir, dass sie sich für eine klare Abgrenzung von Zeit- bzw. Leiharbeit und für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt. Deshalb wollen wir gesetzliche Reformen, beispielsweise: gleiche Bezahlung vom ersten Einsatztag plus eine 10-prozentige Flexibilitäts - zulage. Nur so setzen wir dem Missbrauch von Zeit- bzw. Leiharbeit einen Riegel vor. Außerdem muss der Streikbrechereinsatz in allen Fällen untersagt werden!

Friseurin ist ein Frauenberuf, entsprechend schlecht ist die Bezahlung. Was sollte eine neue Bundesregierung für sie tun?

In der Corona-Krise wurde deutlich: Ohne Friseur*innen geht es eben auch nicht! Und trotzdem finden auf viele im Friseurhandwerk beschäftigte Kolleg*innen keine Tarifverträge Anwendung und wir als Kund*innen lassen uns weiterhin von vermeintlichen Schnäppchenpreisen locken. Eine Chance, etwas für eine bessere Bezahlung der Kolleg*innen zu unternehmen, hat die Politik gerade verstreichen lassen. Bei der erfolgten Novellierung der Handwerksordnung hatten die DGB-Gewerkschaften gefordert, dass es eine verpflichtende Aufgabe der Innungen wird, Tarifverträge abzuschließen. Zahlreiche Innungen, gerade aus dem Bereich des Friseurhandwerks, sind nämlich schlicht und ergreifend nicht bereit, diese Aufgabe wahrzunehmen, mit dem Ergebnis, dass die Kolleg*innen in diesen Innungsregionen von keinem Tarifvertrag mehr profitieren können. Eine neue Regierung könnte hier das Versäumte nachholen und so tausenden Kolleg*innen zu mehr Absicherung im Alltag verhelfen. Aber auch schon die deutliche Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf mindestens 12 Euro pro Stunde würde vielen Beschäftigten dieser Branche sehr helfen. Zugleich kann die Politik durch ihr Handeln dazu beitragen, dass auch in der Öffentlichkeit die Leistung der Kolleg*innen aus dem Friseurhandwerk eine höhere Wertigkeit erfährt. Während es selbstverständlich ist, dass die Reparatur oder Inspektion eines Autos in der Regel mindestens einen dreistelligen Betrag erfordert, soll der Haarschnitt – auch eine Handwerksleistung! – bitte nach Möglichkeit nur 10 bis 20 Euro kosten. Auch uns als Verbraucher*in nen muss klar sein, dass sich derartige Dumping-Preise nur zu Lasten der Beschäftigten, die uns gerade die Haare schneiden, realisieren lassen.

Homeoffice, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz – die Arbeitswelt verändert sich enorm, das erfahren gerade die Beschäftigten und Betriebsräte in den Callcentern. Wie kann die Politik sie stärken?

Die Digitalisierung erlaubt es, Arbeit von Unternehmensstandorten zu verlagern. Um Beschäftigte und Betriebsräte zu stärken, müssen Mitbestimmungsrechte und Gestaltungsmöglichkeiten erweitert und dieser „neuen Welt“ angepasst werden. Wir möchten, dass die neue Bundesregierung den Arbeitnehmer*innenbegriff modernisiert: Zukünftig sollen auch externe Beschäftigte darunterfallen, die langfristig in Projekte eingebunden sind.